Im Oktober 100 Prozent Deckungsgrad: War da was?

Impressum: Autor ist Herbert Brändli (Details) – Artikel in stocks.ch, 30. November 2009. Link stocks.

Wie schon im Oktober 2008 wiesen die Pensionskassen auch im Oktober 2009 im Mittel einen Deckungsgrad von über 100 Prozent aus. Sie befinden sich demnach auf ihrem langfristig vorgesehenen Entwicklungspfad. Zwischenzeitlich ist der Deckungsgrad kollektiv abgestürzt und hat einige Unruhe verursacht. Was ist tatsächlich geschehen?

Nach der schon lange überfälligen Bereinigung von unschönen Immobiliengeschichten in Amerika brechen im Oktober 2008 weltweit die Finanzmärkte ein. Den Pensionskassen eröffnen sich einmalige Gelegenheiten: Sie können zu immer günstigeren Preisen in gute Unternehmen investieren und damit ihr langfristiges Ertragspotential aufpeppen. Die schöne Medaille hat aber eine zweite Seite: Die Bewertungen der bereits getätigten Investitionen fallen ebenfalls und lassen ihre Bilanzen schlecht aussehen. Schwindende Deckungsgrade vermindern die Risikofähigkeit, sagen kurzsichtige aber einflussreiche Ratgeber, und verbieten Aktienanlagen.

Mit den negativen Bilanzen wurde die Angst der Versicherten kräftig geschürt. Zu Recht wollten sie wissen, ob ihre Leistungen noch sicher sind. Beruhigend sollte sein, dass noch nie wirklich eine Pensionskasse wegen Bewertungsproblemen ihre Zahlungs- oder Leistungsbereitschaft eingebüsst hat. Rentner und Einzelaustritte konnten auch in der Krise voll bedient werden, verschlechterten aber die Deckungsgrade immer weiter. Austritte von Gruppen liessen die Bilanzrelationen hingegen unverändert, weil Unterdeckungen bei Teilliquidationen - aus den Augen aus dem Sinn - den austretenden Versicherten angelastet werden dürfen.

Krisenbedingt gebeutelte, kollektive Austritte sind darum momentan die Verlierer des Systems. Das Gesetz nimmt keine Rücksicht auf sie. Sie werden im dümmsten Moment gezwungen, versicherungstechnisch verminderte Freizügigkeitsansprüche zu realisieren. Bei positivem Deckungsgrad, also vor dem Oktober 2008 und nach dem Oktober 2009, war und ist die Pensionskassenwelt gerade umgekehrt. Nach Teilliquidationen werden Reserven anteilig mitgegeben. Das Nachsehen haben Einzelaustritte. Ihnen vorenthaltene Reserven und freie Mittel verbessern dafür Bilanz und Deckungsgrad der Pensionskassen. All diese Umverteilungen müssten nicht sein, nur der Regulator will es so. Sein Freizügigkeitsmodell ist grundsätzlich falsch konzipiert, und sobald sich eine Pensionskasse von ihrem langfristigen Entwicklungspfad weg bewegt, lassen die umfangreichen und detaillierten Schönwetterregelungen keine adäquaten Ablösungen mehr zu.

Die negativen Deckungsgrade zum Jahreswechsel offenbarten die gravierenden Systemfehler schonungslos. Hilflose Pensionskassen und überforderte Aufsichtsbehörden wurden bis zum Hals mit Anfragen und Beschwerden eingedeckt. Der Gesetzgeber versuchte die angerichtete Misere mit neuen Normen auszubügeln und liess die Pensionskassen neue Reglemente erstellen. Gleichzeitig waren die verantwortlichen Organe mit der Berichterstattung beschäftigt, die dieses Jahr besonders ausführlich ausgefallen ist. Aufsichtsbehörden, mit dem eigenen «ass covering» beschäftigt, verlangten umfangreiche, zusätzliche Auskünfte und liessen von ihnen krank geschriebene Kassen (mittlerweile überholte) Sanierungspläne erarbeiten. Die Bearbeitung dieser legalistisch begründeten, unbedarften amtlichen Auflagen hat neben viel Energie, Reputation und Zeit immense Gebühren und Honorare gekostet.

Viel schwerer wiegen aber nachhaltige Schäden an der Ertragsbasis durch schwindende Aktienanteile. Die auf dem historischen Tief von 21 Prozent angekommene Rate ist weitgehend das Ergebnis von eilends durch Anlageberater herbei geschriebenen Normen und Richtlinien, die unreflektiert und überhastet in Gesetze und Verordnungen verpackt wurden. Der Regulator verlangt damit verbindlich den Einsatz von überholten, nachweisbar falschen Analyse- und Bewertungsinstrumenten und fördert gleichzeitig undurchsichtige, erklärungsbedürftige Anlagevehikel und –produkte. Die verordneten gesetzlichen Unsicherheiten bescheren den Pensionskassen neue Risiken und ihren Anlageberatern einträgliche Aufträge.

Die schädigende Hektik mit dem ruinierenden Aktivismus wurde durch die ominösen Deckungsgrade, gemessen am Silvester, ausgelöst. Sie sind danach bis im März nochmals kräftig gefallen, haben sich aber bis im Oktober wieder auf das Mass vor Jahresfrist erholt. Viele Pensionskassen sind allerdings nicht, wie es scheint, auf ihren langfristigen Pfad zurückgekehrt. Der wieder ausgeglichene Deckungsgrad zeigt nicht, dass ihre Leistungsbereitschaft unter dem unbedarften staatlichen Druck entscheidend geschwächt wurde. Um die in der Verfassung gesteckten Ziele zu erreichen, müssen Pensionskassen befähigt werden, nicht nur langfristig zu denken, sondern auch so zu handeln. Statt Deckungsgrade zu pflegen, sollen sie die Vorteile, welche schwankende Märkte bieten, nutzen dürfen.

 

Herbert Brändli ist Betriebswirtschafter und Eidg. dipl. Pensionsversicherungsexperte mit einem breit diversifizierten Auftragsportefeuille. Herbert Brändli ist Gründer und Leiter der B+B Vorsorge AG, welche sich zur Aufgabe gemacht hat, mehr Dynamik und Transparenz in die berufliche Vorsorge zu bringen und ihren Kunden eine fundierte Beratung sowie interessante Alternativen zu bieten. Zurück

 

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