Ein Gespräch mit Herbert Brändli, Verwaltungsratspräsident der PKRück in Vaduz und Zürich
«Mir gefällt die Rolle des Querdenkers»
Impressum: mit Herbert Brändli [HB], Geschäftsführer B+B Vorsorge AG und VR-Präsident PKRück, sprach Jana Riedmüller [JR], Liechtensteiner Vaterland, 28May05
Seiteninhalt
- Interview von Jana Riedmüller mit Herbert Brändli
- Facts & Figures
- Herbert Brändli – zur Person
- Herbert Brändli – kurz gefragt
Dokumentation
Das Interview als PDF – Copyright by Liechtensteiner Vaterland
Herbert Brändli kam per Zufall ins Versicherungsgeschäft. Er sieht sich auch als Kritiker der Branche und will etwas bewegen. Drei Neugründungen im Vorsorgebereich hat er bereits lanciert.
JR: Herr Brändli sehen Sie sich als Gegenspieler klassischer Versicherer?
HB: Mit der PK Rück haben wir eine alternative Versicherung gegründet. Sie ist eine längst überfällige Selbsthilfeorganisation von Pensionskassen für Pensionskassen. Klassische Versicherer kennen die eigentlichen Bedürfnisse der Pensionskassen zu wenig.
JR: Wie reagierte die Zunft der Versicherer auf Ihre Initiative?
HB: Zunächst konnten und wollten sie nicht verstehen, was wir wollen. Inzwischen nimmt man uns zur Kenntnis. Man stellt aber auch fest, dass es einen neuen Faktor gibt, der sogar der eigenen Schläfrigkeit gefährlich werden könnte. Besonders freuen mich bereits beobachtete Prämienreduktionen auf Grund unseres Auftritts.
JR: Warum gehen Versicherer eher selten neue Wege?
HB: Die Versicherungswirtschaft ist ein sehr enger, eingespielter Kreis. Es ging allen Versicherungen finanziell lange Zeit gut. Aktionäre, Politiker und Beamte sonnten sich in ihrem Umfeld. Darum hatte auch niemand das Bedürfnis, etwas zu verändern. Die Pensionskassen hingegen fanden wenig Gehör, hatten wenig Publizität und kein politisches Gewicht.
JR: Versicherer hingegen schon, was Sie auch kritisieren.
HB: Die Versicherungen sind in Bern politisch sehr stark vertreten. Gegen diese Lobby kann man von aussen fast nicht ankämpfen. Mittlerweile haben sich die Pensionskassen aber besser organisiert. Der Börsencrash und die Umwälzungen im Zusammenhang mit der BVG-Revision haben vieles in Bewegung gebracht und damit erst eine PKRück ermöglicht.
JR: War die starke Lobby in Bern ein Grund, die PKRück in Liechtenstein zu gründen?
HB: Wir hatten ursprünglich vor, die PKRück in der Schweiz zu gründen. Uns wurde aber schnell klar, dass eine Gründung sehr lange dauern würde; die Mühlen mahlen dort sehr langsam. Neues wird in diesem Geschäft gern abgeblockt. Die Ämter, mit denen wir verhandeln wollten, zeigten sich auch kein bisschen unternehmerisch. In Vaduz hingegen bekamen wir sehr viel Unterstützung von Seiten der Behörden. Ausserdem profitieren wir hier von der Öffnung nach Europa.
JR: Demnach befürworten Sie auch einen Schengenbeitritt der Schweiz.
HB: Selbstverständlich bin ich der Meinung, dass wir uns in der Schweiz öffnen müssen. Allerdings verstehe ich auch, dass Leute Angst haben. Mir selber graut vor dem Bürokratismus. Ein zu grosser Apparat kann innovative Bestrebungen erschweren. Je grösser die Apparate werden, desto mehr ist man auch darin gefangen.
JR: Wie kamen Sie eigentlich zur Versicherungsbranche?
HB: Das war reiner Zufall. Ich bin ein typischer Quereinsteiger. Das kommt mir auch heute zugute. Ich durfte die Versicherungsproblematik zuvor aus Sicht des Versicherten wie auch des Unternehmens erleben. Das hilft bei der Suche nach innovativen Lösungen.
JR: Welches Bild hatten Sie damals von den Versicherungen?
HB: Dasselbe wie heute (lächelt). Ich selbst habe auch jetzt lediglich ein Minimum an Versicherungen. Ich muss mich nicht bis unter die Zähne ab- und versichern. Gewisse Risiken sollte man selbst tragen. Ich war gegenüber Versicherungen schon immer kritisch eingestellt. Ich schwimme auch nicht gern mit dem Strom.
JR: Ist das generell Ihr Naturell?
HB: Tendenziell ja. Immer gewesen. Ich gefalle mir in der Rolle des Querdenkers.
JR: Sie kritisieren Ihre eigene Branche. Ist dies kein Widerspruch für Sie?
HB: Nein. Ich kann in dem Bereich doch vieles verbessern. Ich will es im Kleinen besser machen. Die PKRück ist genau so ein Vorstoss. Ursprünglich begann ich als Experte zu beraten. Weil ich etwas Besseres bieten wollte, habe ich schon vor langer Zeit für KMUs zwei unabhängige Sammelstiftungen auf die Beine gestellt. Das nächste war jetzt die PKRück.
JR: Ist Ihre Firma die einzige innovative der Branche?
HB: Unsere Gründungen sind nicht wirklich etwas Neues. Wir leben einfach den ursprünglichen Versicherungsgedanken wieder aus, dass alle für jene zusammenstehen, die es nötig haben. Wir handeln kundenorientiert. Es gibt bei uns keine Dritten im Hintergrund, die auf Kosten der Versicherten Geld aus dem Vorsorgekreislauf nehmen.
JR: Eine andere Frage: Glauben Sie persönlich, dass der Staat die Renten noch lange zahlen kann?
HB: Ja. Ich teile diesen aktuell grassierenden Pessimismus nicht. Alle reden von einer bald ins Unendliche gehenden Lebenserwartung. Ich bin da anderer Meinung. Wenn ich zum Beispiel höre, dass unsere Kinder an Überzuckerung leiden und zu dick sind, kann ich mir nicht vorstellen, dass die Menschen in absehbarer Zukunft länger leben werden als heute.
JR: Werden Sie selbst über das Rentenalter hinaus arbeiten?
HB: Ich bin der Meinung, dass man das Rentenalter nicht weiter heruntersetzen und damit die Arbeitsfähigen zusätzlich verknappen sollte. Ich selbst werde sicher einmal länger arbeiten als bis fünfundsechzig, wenn es meine Gesundheit erlauben wird.
JR: So lange es geht.
HB: Ja. Später vielleicht nicht mehr so viel. Wieso sollte jemand, dem die Arbeit Spass macht, mit fünfundsechzig aufhören müssen? Für mich ergibt das keinen Sinn. Ich denke, wir müssen wieder dahin kommen, auch ältere Leute im Arbeitsprozess zu behalten.
JR: Junge befürchten, dass dann ihre eigene Entwicklung blockiert würde.
HB: Das hängt mit dem inzwischen überholten System der chronologisch orientierten Arbeitswelt zusammen. Die Zeit gab den Takt an. Man begann zu arbeiten, stieg die Leiter empor und bekam jedes Jahr mehr Lohn. Kurz vor der Pensionierung wurde man noch Direktor. Heute hat man aber zwischen dreissig und vierzig eine Topp-Position erreicht. Man muss damit leben, dass das Einkommen mit dem Älterwerden vielleicht wieder zurückgeht und dass Jüngere einen überholen können.
JR: Finden Sie das sinnvoll?
HB: Ja, absolut. Heute wechselt jemand während seines Arbeitslebens im Durchschnitt achtmal die Stelle. Die Systeme der betrieblichen Altersvorsorge basieren jedoch auf dem Modell, dass man bei einem Arbeitgeber beginnt und dort bis zur Pensionierung bleibt. Die Pensionskassen haben für den veränderten Rhythmus keine Lösungen parat. Nach wie vor wird die Betriebstreue bezahlt und belohnt.
JR: Was waren in der Versicherungsbranche die grössten Fehler der Vergangenheit?
HB: Dass es ihr zu gut ging und sie sich nicht bewegen musste. Seit ich denken kann, sind Versicherungen immer dasselbe und haben immer dasselbe gemacht. Im Pensionskassenwesen zum Beispiel weiss man seit langem, dass viel zu hohe Kosten anfallen. Aber keiner unternimmt etwas dagegen. Wohlbekannte Tabus, von denen niemand spricht, sind das Problem.
JR: Sie kritisieren auch das Provisionssystem der Versicherungen.
HB: Ja. Ich finde das Entlohnungssystem grundsätzlich nicht gut. Die Versicherungen pflegen das seit eh und je. Aus Sicht des Kunden mangelt es darum oft an Qualität. Wenn der Verkäufer etwas verkauft hat, ist die Sache für ihn erledigt; er bekommt eine Provision und muss sich nicht mehr um das Wohl und das Recht des Kunden kümmern.
JR: Wie viele Versicherungen werden in den nächsten zehn Jahren noch dran glauben müssen?
HB: Es wird vermutlich eine noch grössere Konzentration geben. Die Kleinen werden nach und nach verschwinden, obwohl gerade sie innovativ sind und Fortschritte machen.
JR: Wie denken Sie über Risiken?
HB: Es gibt keine guten oder schlechten Risiken. Ein Risiko ist wertfrei. Es kann richtig oder falsch beurteilt werden und man kann versuchen, das Risiko zu mindern. Wir legen darum bei der PKRück sehr viel Wert auf die richtige Tarifierung und das Case-Management.
JR: So auch im Falle der Invalidität?
HB: Wenn sich jemand schlecht fühlt, kann man ihn als invalid einstufen und Renten zahlen. Man kann stattdessen auch versuchen, ihn wieder einzugliedern und damit seine Invalidität verhindern. Dadurch geht es ihm psychisch besser, er kann eine sinnvolle Tätigkeit ausüben und in seinem Selbstbewusstsein gestärkt werden. So bleibt er in die Gesellschaft integriert. Das sind auch nicht nur Kostenfragen. Wollen wir ein Lazarett oder gesunde, motivierte Bürger?
JR: Sie sind seit fünfzehn Jahren selbständig. Der richtige Schritt aus heutiger Sicht?
HB: Das ist für mich gar keine Frage. Ich habe schon nach fünfzehn Tagen gewusst, dass ich die Selbstständigkeit nie wieder aufgeben werde.
JR: Sie scheuen keine Risiken.
HB: Gar nicht, nein. Es gab sehr negative Reaktionen, nachdem ich mich selbstständig gemacht hatte; vor allem aus dem Umfeld meiner Firma. Es hiess: «Wie kann man bloss? Er hat doch eine gute Position und eine gute Pensionskasse, das gibt man nicht einfach so auf.» Kurz davor hatte ich noch geheiratet und meine Frau erwartete das erste Kind. Man hat es als verantwortungslos angesehen, als ich einfach loslegte.
JR: Sie haben sich aber nicht beirren lassen.
HB: Nein. Ich habe das Geld von meiner Pensionskasse dafür gebraucht, um die Firma aufzubauen. Meine eigene berufliche Vorsorge war zu dem Zeitpunkt wieder auf null. Dazu kam die Gründung meiner Familie. Ich wollte aber nie zurück.
JR: Haben Sie als Selbstständiger Zeit für Ihre Kinder?
HB: Meine Familie war mir immer sehr wichtig. Ich schaue auch, dass ich genug Zeit für sie habe. Das ist letztlich eine Willens- und Organisationsfrage.
JR: Sie sind offenbar immer in Bewegung. Was ist Ihr nächster Coup?
HB: Es gibt durchaus Ideen. Dasselbe, was wir im Bereich der Versicherung gemacht haben, könnte man in der Verwaltung von Vermögen anbieten. Die Situation ist ähnlich. Die Renditen stimmen unter anderem nicht, weil die Kosten zu hoch sind.
JR: Was ist Ihre Idee?
HB: In New York an der Wall Street läuft schon über mehrere Jahre ein Experiment mit Schimpansen. Die Affen werfen Pfeile und wählen so die Firmen aus, in die investiert wird. Die Ergebnisse sind überdurchschnittlich. Offenbar bringt ein billiges Zufallsverfahren mehr als teure Börsenspezialisten.
JR: Sie wollen also den Zufall spielen lassen?
HB: Ja, es geht in diese Richtung. Basis ist eine langfristige Strategie, die zur Hauptsache mit indexierten Instrumenten auf dem Markt umgesetzt wird. Der Vorteil ist, dass man Überreaktionen ausschalten kann, zu denen Menschen an der Börse neigen. Händler verhalten sich wie die Lemminge: Alle laufen in die eine Richtung und wieder zurück. Das «Trial and Error»-Prinzip verursacht vor allem Kosten. Mir geht es hauptsächlich darum, diese Kosten zu senken.
JR: Wie reagieren die damaligen Skeptiker Ihrer Selbstständigkeit heute?
HB: Die Kritik kam damals aus dem Umfeld der Geschäftskollegen. Heute bekomme ich viele positive Reaktionen aus meinem Bekanntenkreis. Es wird geschätzt, wenn jemand unbeirrt arbeitet und versucht, in seinem kleinen Wirkungskreis Positives zu erreichen.
JR: Könnten Sie sich vorstellen auch einen grossen Konzern zu führen?
HB: Liechtenstein setzt sehr hohe Massstäbe an die Führung von Versicherungsgesellschaften. Meines Wissens hätte bei Amtsaufnahme kein aktueller CEO der drei grossen Lebensversicherer in der Schweiz die Anforderungen erfüllt. Ich selbst verstehe etwas von Pensionskassen und sage mir: «Schuster, bleib bei deinem Leisten.» top ↑
Facts & Figures
Die B+B Vorsorge AG mit Hauptsitz in Rüschlikon ist ein Expertenbüro und eine Beratungsfirma für versicherungs- und anlagetechnische Fragen von nationalen und internationalen Gesellschaften sowie Vorsorgeeinrichtungen. Sie wurde 1990 gegründet und verfügt mittlerweile über weitere Niederlassung in Aarau und Nyon.
Die Profond Vorsorgeeinrichtung, eine Sammelstiftung für Klein- und Mittelbetriebe, wurde ebenfalls 1990 gegründet; ihr sind über 600 Betriebe mit knapp 9000 Versicherten angeschlossen. Beide Einrichtungen beschäftigen heute zusammen etwa 30 Mitarbeiter.
Die PKRück Lebensversicherung für die betriebliche Vorsorge AG wurde im November 2004 in Vaduz gegründet und beschäftigt heute sieben Mitarbeiter. Die Gründungsmitglieder vertreten zusammen rund 40 000 Versicherte. Die PKRück selbst ist beim Schweizer Rückversicherer Swiss Re versichert. top ↑
Herbert Brändli – zur Person

Foto: Jana Riedmüller
Herbert Brändli ist Versicherungsexperte. Er versteht sich als Exot und Querdenker seiner Zunft, sucht stets nach Innovationen und spart nicht mit Kritik an der eigenen Branche. Der studierte Betriebswirt erlangte 1986 das eidgenössische Diplom für Pensionsversicherungsexperten.
Zuvor war er in anderen Bereichen tätig, amtete als stellvertretender Chefredaktor einer Wirtezeitung und war bei der Swissair für die Planung und den Aufbau von Airline-Catering-Betrieben zuständig. Auch plante und öffnete er Restaurants in Kairo, Buenos Aires und Chicago.
1983 kam der gebürtige Zürcher erstmalig mit dem Versicherungsbusiness in Berührung. Von der Genfer Versicherung liess er sich in Zürich zum Hauptagenten ausbilden und arbeitete bei einem internationalen Versicherungsmakler sowie einer Treuhandgesellschaft als Berater.
1990 machte sich Herbert Brändli mit der B+B Vorsorge AG in Rüschlikon selbständig und baute parallel dazu die Profond-Sammelstiftung für Klein- und Mittelbetriebe auf. 1997 gründete er die Schwesterstiftung Profond FL in Vaduz.
Seit gut einem Jahr steht Herbert Brändli der neu ins Leben gerufenen PKRück als Verwaltungsratspräsident vor. top ↑
Herbert Brändli – kurz gefragt
1. Das Versicherungsbusiness wird in Zukunft
… leiden.
2. Risiko bedeutet für mich
… die Bewältigung von Herausforderungen.
3. Liechtenstein ist aus meiner Sicht
… ein aufstrebender Finanzplatz.
4. Mein Lebensmotor ist
… die Freude, vor allem mit der Familie.
5. Es freut mich besonders, wenn
… unsere Leute gerne bei mir arbeiten.
6. Es ärgert mich besonders, wenn
… jemand unpünktlich ist.
7. Ich habe im Leben gelernt, dass
… nicht alles so wichtig ist, wie man im ersten Moment meint.
8. Meine grösste Stärke ist
… die Ruhe.
9. Meine grösste Schwäche ist
… die innere Unruhe.
10. Der Herbert sagt oft zum Brändli
… los – jetzt packen wir's! top ↑
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