Cut your gains!

Impressum: FORTUNE, 20. März 2006; Ausschnitt (ab Seite 18) aus dem Aktionärsbrief 2005 (pdf) von Warren E. Buffett an die Aktionäre von Berkshire Hathaway. Der Artikel wurde auch publiziert in Fortune.
Copyright © by Berkshire Hathaway, Warren E. Buffett, mit freundlicher Genehmigung von Debbie Bosanek, Assistentin von Warren Buffett, 31. Mai 2006.

Warren BuffettWarren Buffet – das «Orakel von Omaha» – gilt – laut Forbes – mit 42 Mrd Dollar hinter Bill Gates als zweitreichster Mann auf Erden – galt? Nachdem er am 26. Juni 2006 bekannt gab, dass er 85 Prozent seines Privatvermögens verschenken bzw. 31 Mrd in die Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung und weitere Milliarden in andere Stiftungen einbringen wolle, stimmt das wohl bald nicht mehr.

Buffet führt Berkshire Hathaway, ein 47-Mrd-$-Aktien-Portfolio, und nimmt in seinen Jahresberichten gern zu aktuellen Themen pointiert Stellung. Im Aktionärsbrief 2006 erörtert er, wie kostspielig es werden kann, wenn man sich auf Anlageberater verlässt. Wir haben seine Gedanken zu diesem Thema nachstehend übersetzt.

Wie man seine Investmenterträge vernichten kann

Es war für Berkshire und andere Eigentümer von amerikanischen Wertpapieren über die Jahre einfach, Erfolg zu haben. Vom 31.12.1899 bis zum 31.12.1999 stieg beispielsweise der Dow Jones Index von 66 auf 11 497 Punkte. Dieses riesige Wachstum hat einen einfachen Grund: Amerikanische Unternehmen geschäfteten in diesen 100 Jahren gut und die Investoren profitierten mit. Die Berechnung der jährlichen Zuwachsrate, mit der dieses Ergebnis erreicht wurde, findet sich am Schluss dieses Artikels.

Unternehmen werden auch weiterhin Erfolg haben, aber die Aktionäre begrenzen in jüngster Zeit ihre Erträge massiv mit üblen, selbst verursachten, Erfahrungen. Weshalb läuft das so?

Im Anlagemarkt gilt als fundamentale Wahrheit: Der höchste Gewinn, den die Gesamtheit der Eigentümer realisieren kann, ist soviel, wie ihre Unternehmen erwirtschaften – einmal abgesehen von unbedeutenden Ausnahmen, wie zum Beispiel Konkursen, bei welchen ein Teil der Verluste von den Kreditgebern getragen werden muss.       top ↑

Klar, Investor A mag mit Intelligenz und Glück einen grösseren Anteil vom Kuchen für sich ergattern als Investor B. Und selbstverständlich fühlen sich alle Investoren reicher, wenn die Aktienkurse steigen. Ein Aktionär kann aber nur aussteigen, wenn ein anderer seinen Platz einnimmt. Verkauft ein Investor zu einem hohen Preis, so muss ein anderer zu einem hohen Preis kaufen. Für die Gesamtheit der Anleger gibt es schlicht kein Wunder, das es erlauben würde, mehr Reichtum aus den Unternehmen zu ziehen, als diese erwirtschaften.

Tatsächlich können die Anleger wegen Reibungsverlusten auf den Anlagemärkten nicht gleich viel verdienen wie ihre Unternehmen. Die Kosten wachsen und sind mittlerweile so hoch, dass die Aktionäre heute viel weniger verdienen als früher.

Um zu verstehen, wie sich die Abgaben und Kosten aufgebläht haben, stellen wir uns einmal vor, dass die Gesamtheit der US-Unternehmen einer einzigen Familie, den Gotrocks, gehört und immer gehören wird [Gotrocks – they got rocks – sie haben «Kies»]. Diese Familie wird, nach Bezahlung der Steuern auf ihren Anlagen, von Generation zu Generation reicher und zwar um den Gesamtertrag, den ihre Unternehmen erwirtschaften.

Heute sind das etwa 700 Milliarden Dollar pro Jahr. Natürlich gibt die Familie einen Teil dieses Geldes aus, aber der Sparanteil häuft sich permanent zu ihrem Vorteil an. Alle Mitglieder des Gotrock-Haushalts profitieren im selben Masse und es herrscht Harmonie.

Nehmen wir jetzt einmal an, dass redegewandte Helfer an die Familie herantreten und ihre Mitglieder dazu überreden, zu versuchen, ihre Angehörigen zu übervorteilen, indem sie gewisse ihrer Aktien kaufen und ihnen andere verkaufen würden. Die Helfer verpflichten sich umgehend, gegen eine Gebühr diese Transaktionen für sie zu tätigen.       top ↑

Die Gotrocks besitzen noch immer alle Unternehmen von Amerika; durch die Käufe und Verkäufe erfolgt einfach eine Neuordnung der Eigentumsverhältnisse. Der jährliche Vermögenszuwachs der Familie nimmt hingegen entsprechend den bezahlten Kommissionen ab. Je mehr sich die Familie auf den Handel einlässt, umso kleiner wird ihr Anteil am Kuchen und umso grösser das Kuchenstück, das an die Helfer geht. Diese Tatsache bleibt den Händlern nicht verborgen: Aktivität ist ihr Freund, und sie fördern sie mit einer Vielzahl von Mitteln.

Etwas später werden sich die meisten Familienmitglieder gewahr, dass sie nicht so gut wegkommen bei diesem «Hau-den-Bruder»-Spiel. Jetzt betritt eine neue Gruppe von Helfern die Szene. Sie erklären jedem Mitglied des Gotrock-Clans, dass es allein nie in der Lage sein würde, den Rest der Familie zu überlisten. Als Heilmittel schlagen sie vor, Manager anzustellen und den Job professionell erledigen zu lassen. Diese neuen Helfer bedienen sich für den Handel weiterhin der Broker und verstärken sogar ihren Einsatz, so dass diese noch mehr profitieren. Gesamthaft gesehen geht nun ein noch grösseres Stück des Kuchens an zwei Klassen von Helfern.

Die Enttäuschung der Familie nimmt zu. Jedes ihrer Mitglieder beschäftigt jetzt Profis und trotzdem wenden sich die Finanzen der Gruppe zum Schlechten. – Die Lösung? Selbstverständlich noch mehr Hilfe! – Sie kommt daher in der Form von Finanzplanern und institutionellen Beratern, die nun die Gotrocks bei der Auswahl ihrer Manager unterstützen. Die verwirrte Familie ist froh um diese Hilfe. Ihre Mitglieder wissen inzwischen, dass sie selber weder zur Auswahl der richtigen Aktien noch der richtigen Händler fähig sind.

Man könnte sich nun fragen, wie die Familie die richtigen Berater wählen soll. Aber diese Frage stellen sich die Gotrocks nicht, und die Berater werden sie bestimmt nicht darauf aufmerksam machen.       top ↑

Die Gotrocks halten nun drei Klassen kostspieliger Helfer aus, doch die Ergebnisse verschlechtern sich weiter, und sie beginnen zu verzweifeln. Doch gerade als jede Hoffnung verloren scheint, tritt eine vierte Gruppe auf den Plan; wir nennen sie die Super-Helfer. Diese freundlichen Leute erklären den Gotrocks, dass ihre unbefriedigende Lage vom Umstand herrührt, dass ihre anderen Helfer – Broker, Manager, Berater – nicht genügend motiviert sind und in ihrem Trott verharren. Die Super-Helfer fragen: «Was kann man von so einem Haufen von Zombies schon erwarten?»

Die Neuen bieten eine beeindruckend einfache Lösung an: Mehr Geld in die Hand nehmen! – Mit überbordendem Selbstvertrauen fordern die Super-Helfer von den Familienmitgliedern riesige Kontingenzzahlungen – zusätzlich zu den fixen Gebühren – um so die Verwandten auszumanövrieren.

Die aufmerksameren Mitglieder erkennen, dass einige der Super-Helfer nichts weiter sind als Manager-Helfer in neuer Uniform. Sie haben sexy Namen wie «Hedge Fund» oder «Private Equity» angenommen und versichern den Gotrocks, dass der Wechsel der Kleider überaus wichtig ist und magische Kräfte auf ihre Träger überträgt – ähnlich jenen des gutmütigen Clark Kent, wenn er ins Kostüm von Superman schlüpfte.

Wieder beruhigt, entscheidet die Familie zu zahlen. Und hier stehen wir heute: Ein Rekordanteil des Familieneinkommens landet bei der immer grösser werdenden Armee der Helfer – statt bei den Eigentümern – wenn diese einfach in ihren Schaukelstühlen sitzen blieben.

Besonders kostspielig sind die in letzter Zeit pandemisch um sich greifenden Profitvereinbarungen, gemäss welchen die Helfer – wenn sie klug sind und Glück haben – sich grosse Teile der Einkünfte sichern und den Gotrocks die Schulden überlassen. Und darüber hinaus gibt es für dumme, glücklose und zuweilen auch betrügerische Helfer hohe Abgangsentschädigungen.       top ↑

Die grosse Zahl solcher Vereinbarungen legen es nahe, die Familie fortan Hadrocks zu nennen [Hadrocks – they had rocks – sie hatten «Kies»]. Vorweg nehmen die Helfer einen Grossteil der Gewinne und die Hadrocks nehmen die Verluste und zahlen teuer für dieses Privileg. Tatsächlich ist es heute so, dass sich die Kosten für die Familie wegen Reibungsverlusten gut und gerne auf zwanzig Prozent der Erträge aller amerikanischen Unternehmen belaufen können. Mit andern Worten: die Bürde, Helfer finanzieren zu müssen, bedeutet für die Investoren, dass sie nur etwa achtzig Prozent von den Erträgen erhalten, die ihnen zustehen würden, wenn sie nur einfach da sässen und auf niemanden hörten.

Vor langer Zeit schenkte uns Isaac Newton die drei Bewegungsgesetze – das Werk eines Genies. Leider erstreckte sich Newtons Talent nicht auf seine Anlagetätigkeiten: Er verlor ein Vermögen in der so genannten «South Sea Bubble», weil er mit Südseeaktien des Schotten John Low spekulierte, und erklärte später: «Ich kann die Bahn der Himmelskörper auf Zentimeter und Sekunden genau berechnen, aber nicht, wohin die verrückte Menge einen Börsenkurs treiben kann.» Hätte Newton sich von dieser Erfahrung nicht traumatisieren lassen, hätte er vielleicht noch das vierte Bewegungsgesetz entdeckt: Für die Gesamtheit der Investoren gilt: die Erträge nehmen ab, wenn die Bewegungen zunehmen.

Und jetzt zur Berechnung der Zuwachsrate in Amerika: der Dow Jones erhöhte sich im 20. Jahrhundert von 65,73 auf 11 498,12 Punkte. Das entspricht einem Ertrag von jährlich 5,3 Prozent, mit Zins und Zinseszinsen. Darüber hinaus sind die Investoren in den Genuss von Dividenden gekommen. Um im 21. Jahrhundert einen vergleichbaren Gewinn zu erreichen, wird der Dow Jones per 31. Dezember 2099 exakt 2 011 011,23 Punkte erreicht haben müssen. Buffet ist gerne bereit, sich mit 2 000 000 zu begnügen. In den ersten sechs Jahren dieses Jahrhunderts hat der Dow Jones überhaupt nicht zugelegt.       top ↑

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