Nur mit Obligationen lassen sich keine Renten sichern

Autoren: Charlotte Jacquemart und Fritz Pfiffner – Artikel in NZZ am Sonntag, Seite 40, 21. Februar 2010. Mit vorhandener Genehmigung.

Aktien haben in den letzten zehn Jahren kaum Ertrag gebracht. Trotzdem sind sie die einzige Hoffnung für unsere Renten.

Sinkt der sogenannte Umwandlungssatz, der die Höhe der Pensionskassenrente bestimmt, nach der Abstimmung vom 7. März auf 6,4%, erhalten Arbeitnehmer im Schnitt nur noch 32% des letzten Lohnes als Rente ausbezahlt (siehe Tabelle). Das Verhältnis zum letzten Lohn ist ein wichtiger Aspekt, da es darum geht, die Kaufkraft nach der Pensionierung zu erhalten.

Wer das Loch ausgleichen möchte, hat vier Möglichkeiten: Er kann monatlich mehr ansparen, länger arbeiten, früher sterben – oder aber versuchen, auf dem angesparten Kapital jährlich eine etwas höhere Rendite zu erwirtschaften. Denn im Modell werden 2% Ertrag pro Jahr unterstellt; das ist etwa das, was Anleger mit «risikolosen» Bundesobligationen zum Beispiel über zehn Jahre verdienen können und was vielerorts als «richtige», weil «sichere» Anlage für das Pensionskassengeld propagiert wird.

Dies ärgert Profis, die im Pensionskassengeschäft tätig sind, masslos. «Das Kernproblem», sagt Herbert Brändli, Geschäftsführer der B+B Vorsorge AG, Thalwil, «ist die Tatsache, dass man mit immer mehr Regulierung das Ertragspotenzial geschwächt und die Kosten massiv erhöht hat.» Roman von Ah, Partner der unabhängigen Fondsgesellschaft Swiss Rock Asset Management, doppelt nach: «Diese vermeintliche Sicherheit mit sicheren Anlagen hat einen hohen Preis. Wer zehn Jahre spart und eine jährliche Inflation von 2,5% nicht durch Anlageertrag ausgleicht, dem bleiben von heute 100 noch 78 Franken.»

Für die zwei Anlagespezialisten gibt es deshalb nur eine echte Alternative, um das «Sparloch» zu füllen, das sich aus sinkenden Umwandlungssätzen ergibt: auf Aktien setzen. Im Moment schimpfen viele Anleger auf Aktien, weil sie über die letzten zehn Jahre damit keinen Gewinn erzielt haben. Das sei eine verkürzte Sicht, sagt von Ah: «Je länger die Halteperiode von Aktien, umso kleiner die Anzahl negativer Perioden. Klammert man den Zweiten Weltkrieg aus, gibt es keine 12-Jahres-Periode, in der man mit Aktien nicht Geld verdient hat.» (siehe Grafik)

Bezieht man das Risiko, das mit Aktien einhergeht, korrekt mit ein, dürfen Anleger oder Pensionskassen erwarten, dass sie mit 90%iger Wahrscheinlichkeit aus 100 Fr. über zehn Jahre mindestens 106 Fr. – und höchstens 402 Fr. machen. Mit anderen Worten: Auf Aktien kriegt man eine Prämie – man kann sich zwar darüber streiten, ob diese bei 3, 4, 5 oder 6% liegt, aber es gibt sie. «Wer für mehr als zwanzig Jahre Geld anlegt, muss dies ausnutzen», sagen Brändli und von Ah.

Von Ah bemängelt, dass die aktiven Arbeitnehmer, deren Geld jahrzehntelang verwaltet wird, ihre Anlagestrategie nicht wirksam genug mit auswählen können. «Dabei haben weder Aktive noch Rentner ein Interesse daran, dass ihre Pensionskasse nur Bundesobligationen kauft.» Die Jungen würden erst später merken, wie mager ihre Renten einst ausfallen würden. «Nicht wegen des Umwandlungssatzes, sondern weil ihr Geld falsch angelegt ist.» Das heutige System orientiere sich am untersten Minimum, den Bundesanleihen, so von Ah. «Das halte ich für eine Katastrophe.» Diese Rechnung gehe sogar bei Rentnern nicht auf, die im Schnitt noch 22 Jahre leben würden.

Brändli weiss aus eigener Erfahrung, was es heisst, schwierige Börsen-Phasen durchzustehen und nicht einfach panikartig im Tief Aktien zu verkaufen und erst wieder im Hoch zu kaufen. Auch bei seiner Sammelstiftung Profond, die 3 Mrd. Fr. verwaltet, war der Deckungsgrad in der Krise von 103% auf deutlich unter 90% gefallen, und nun liegt er bei 96%. Profond hat 2009 mit 50% Aktien eine Performance von 18,4% erzielt.

Für Brändli und von Ah sind die Erträge am Kapitalmarkt aber nur die eine Seite der Ertrags-Medaille. Die andere sind die immens gestiegenen Kosten. Brändli sagt: «Es hat heute viel zu viele Mitesser im Pensionskassengeschäft.» In der Profond – ihr gehören 2000 Firmen mit 30 000 Versicherten an – sei es gelungen, die im Vergleich schon recht tiefen Verwaltungskosten nochmals um einen Drittel zu senken. Das reiche bei weitem aus, um die höhere Lebenserwartung zu finanzieren. Ein grosser Kostentreiber ist der häufige Stellenwechsel. Brändli fordert, den Versicherten die Wahl zu geben, ob sie beim Jobwechsel das Kapital mitnehmen oder aber in der bisherigen Kasse belassen wollen.

 

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