Finanzprofessor auf PK-Achterbahn

Impressum: Autor ist Herbert Brändli (Details) – Artikel in stocks.ch, 25. September 2009. Link stocks.

Die Schweizer Pensionskassen hätten vor ein paar Jahren ihre Rentner enteignet und würden heute den aktiven Versicherten dasselbe Schicksal bescheiden, meint ein Zürcher Finanzprofessor. Die Ursachen findet er in falschen Berechnungen der Verpflichtungen und ihre fehlende Abstimmung auf die Vermögensanlagen. Viele Kassen seien nicht mehr sanierbar.

Der Verteilungskampf der Pensionskassen ist voll im Gange. Begünstigt durch die inadäquate Rechnungslegung nach FER 26 und allein darauf abstellende, rein legalistisch operierende Aufsichtsbehörden, werden die Leistungen der Pensionskassen mit wissenschaftlichem Sukkurs neu aufgemischt und kräftig nach unten korrigiert. Im Oktober 2005 haben Rentner aus professoralem Mund erfahren, dass sie von ihren eigenen Pensionskassen enteignet würden. Der Zürcher Finanzprofessor Martin Janssen hat ihre Renten als mindestens 15 Prozent zu tief eingeschätzt. Heute, gut dreieinhalb Jahre später, geisselt er ihre Renten als bis zu 40 Prozent zu hoch und orakelt über eine Enteignung der aktiven Versicherten.

Seinen abrupten Seitenwechsel begründet der Wissenschaftler gar seltsam mit dem bereits sehr viel früher, nämlich seit 1996, erfolgten Rückgang der Inflation. Die Pensionskassen hätten es verpasst, diesen in ihren Kalkulationsgrundlagen zu berücksichtigen. Sie würden darum, neben den zu geringen Lebenserwartungen, auch von zu optimistischen Kapitalmarktrenditen ausgehen.

Bezüglich Lebenserwartung erfährt man aus der Sozialpsychologie, dass sich die biologische Lebensspanne des Menschen seit der Steinzeit kaum verändert hat. Zunehmend ist lediglich die Zahl der Menschen, die diese Spanne realisieren. Der dafür massgebende Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen verursacht Unterschiede nach Berufen und sozialer Position, wonach sich gerade Pensionskassen traditionell unterscheiden. Schicht- und berufsspezifische Differenzen von bis zu zehn Jahren Lebenserwartung lassen darum keine vernünftige Verallgemeinerung der Rentenumwandlungssätze zu, es sei denn, man treffe sich auf dem kleinsten gemeinsamen Level der Verpflichtungsseite.

Der kürzliche gemeinsame Absturz vieler Anlageklassen liess die Pensionskassen, gemessen am Deckungsgrad, schlecht aussehen. Seither zeigt ihr Weg auch auf der Ertragsseite zum kleinsten gemeinsamen Nenner, dem «risikolosen» Zinssatz. Die Risikofähigkeit wurde ihnen kurzerhand abgesprochen. Als Risikomass gelten einjährige Volatilitäten, was zu absurden Einschätzungen der gebotenen Sicherheit führt.

Das wahre Risiko der Pensionskassen ist, Geld zu verlieren, und das ist untrennbar mit der geplanten Haltedauer der Assets verbunden. Weil Pensionskassen sehr lang investieren, können sie es sich praktisch leisten, Schwankungen zu ignorieren, solange laufende Liquiditätsbedürfnisse nicht überhand nehmen. Dennoch ist die Erholung der Finanzmärkte für Aufsicht und Wissenschaft kein Grund zur Entwarnung. Für sie gilt der Deckungsgrad am Stichtag, während die Anlagesubstanz und ihre Wertentwicklung unbeachtet bleiben. Dabei beweist gerade die aktuelle Entwicklung erneut, dass die Risiken der Pensionskassen nicht bei den Wertschwankungen, sondern im unsachgemässen Umgang mit ihnen liegen.

Pensionskassen sind Solidargemeinschaften der Versicherten zur Glättung von Marktschwankungen und zum Ausgleich unterschiedlicher Rentenlaufzeiten. Ihnen gehört das gesamte Vermögen, inklusive allfälliger Reserven. Für ihre Risikofähigkeit ist es darum unerheblich, in welche Taschen der Buchhalter dieses Vermögen steckt. Pensionskassen, die Anfang dieses Jahres tief bewertete Assets verkauft statt gekauft haben, konnten am Marktaufschwung nicht teilhaben und werden mit oder ohne Reserven auf dem tieferen Niveau verharren.

Allfällige Schwankungsreserven können wohl den Deckungsgrad verbessern, schützen aber nicht vor Schwankungen. Pensionskassen müssen darum lernen, mit Über- und Unterdeckungen zu operieren. Der Versuch, diese mit indexierten, sogenannt risikolosen Anlagen zu glätten, führt zu Ertragsausfällen und Substanzverlusten. Diese Schwächung ist das eigentliche Risiko für die Versicherten, die auf ihrem Vorsorgevermögen mit marktgerechten Erträgen rechnen.

Herbert Brändli ist Betriebswirtschafter und Eidg. dipl. Pensionsversicherungsexperte mit einem breit diversifizierten Auftragsportefeuille. Herbert Brändli ist Gründer und Leiter der B+B Vorsorge AG, welche sich zur Aufgabe gemacht hat, mehr Dynamik und Transparenz in die berufliche Vorsorge zu bringen und ihren Kunden eine fundierte Beratung sowie interessante Alternativen zu bieten. Zurück

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