«Peter Kurer ist nicht der Mann, den UBS braucht»

Impressum: Interview von Christian Affolter mit Herbert Brändli (Präsident Stiftungsrat Profond Vorsorgeeinrichtung), für AGEFI, «Le quotidien suisse de la finance et de l'economie», Lausanne, 21. April 2008

Das Interview

Am 23. April findet die ordentliche GV der UBS statt. Haben Sie eine Intervention geplant?

Ja. Wir wollen die Wahl von Peter Kurer in den UBS-Verwaltungsrat verhindern. Er ist nicht der Mann, den die Bank braucht. Es geht dabei nicht um Kompetenzen. Aber diese Wahl ist nicht zweckmässig. Buchhalter, Juristen (darunter Peter Kurer, Anm. d. Red.) und Revisoren sind retrospektiv orientierte Hilfsfunktionen und Dienstleister. Sie haben in Führungsorganen einer Bank nichts zu suchen! Zweitens ist Herr Kurer Teil des Systems. Er hat mit entschieden und die heutige Bank mitgeprägt. Und seine Rolle in der Swissair-Affäre, wo er für den totalen Stopp der finanziellen Unterstützung zugunsten der Fluggesellschaft verantwortlich gemacht wird – er soll ihr also «den Stecker rausgezogen» haben – wird dem designierten Präsidenten einige persönliche Attacken einbringen. Schliesslich würde der Schleier über dem, was in der Bank schief gelaufen ist, nicht gelüftet. Diese Wahl stünde in der UBS für Kontinuität – aber im negativen Sinn.

Kontinuität? Einige behaupten, es handle sich nur um eine Übergangslösung.

Es wird kaum möglich sein, den neuen Verwaltungsratspräsidenten nach seiner Wahl wieder herauszuhieven. Zurzeit scheint Sergio Marchionne bei UBS die Fäden zu ziehen. Er dürfte Marcel Ospel zum Rücktritt aufgefordert haben. Dem designierten Präsidenten wurden für diese Job gewiss entsprechende Kompetenzen zugesichert. Ohne Garantien würde Peter Kurer kaum kandidieren.

Und UBS behauptet, trotz aller Recherchen keinen anderen Kandidaten gefunden zu haben …

Ja, ganz offensichtlich. Die Bank hat es nämlich nicht geschafft, die richtigen Recherchen zu führen. Folglich fehlt ihr der richtige Mann.

Es machen aber andere Namen die Runde, darunter Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, und der Präsident von Barclays Capital, Hans-Jörg Rudloff – Vorschläge des englischen Investors Luqman Arnold.

Diese Personen, wie auch Markus Granziol, sind von UBS anscheinend nie kontaktiert worden. Wir wünschen, dass nach der Generalversammlung mindestens einer der zwölf Verwaltungsratssitze vakant bleibt. So können wir sicher stellen, dass die Tür für einen guten neuen Präsidenten offen bleibt.

Diese Idee entspricht den Absichten dieses britischen Störenfrieds und ehemaligen CEO der UBS. Koordinieren Sie Ihre Aktivitäten mit ihm?

Wir hatten telefonischen Kontakt, und ich warte noch auf seine Antwort, um die Vorgehensweise bezüglich der anderen Traktanden der nächsten Versammlung definitiv festzulegen. So oder so ändert dies nichts daran, dass wir Peter Kurer nicht wählen werden.

Haben Sie auch eine Kandidatur von Luqman Arnold für die Nachfolge von Marcel Ospel besprochen?

Das wäre aus unserer Sicht eine gute Lösung. Seine eigene Kandidatur ist eine von vielen Möglichkeiten, die sich der englische Investor überlegen sollte. Aber er wird seine aktuelle Rolle nicht aufgeben, ohne über Sicherheiten zu verfügen. Und der Schweizerpass wäre ein Problem: Er hat ihn nicht. Dabei hat er selbst den Besitz dieses Passes zur Bedingung gemacht. Andere Kandidaten erfüllen diese Bedingung auch nicht. Sie und Luqman Arnold verkörpern dennoch mehr «Swissness» als mancher Schweizer.

Weshalb ist es denn so wichtig, dass der Chef der UBS ein Schweizer ist?

Nach meinem Gefühl ist UBS näher bei den Herzen der Schweizer als beispielsweise Credit Suisse, die dieses Kriterium aufgegeben hat. Der Ruf der grössten Schweizer Bank baute auf ihrem Sicherheitsdispositiv, auf ihrer Solidität. Die Bürger des Landes sind von ihrer Krise tief betroffen. Viele fliehen jetzt in Richtung anderer sicherer Werte unter den Schweizer Banken.

Was braucht es also, um dieses nationale Symbol wieder in Form zu bringen?

Einen professionellen und verlässlichen Verwaltungsratspräsidenten! Er sollte das Hochrisikogeschäft von den anderen Bankgeschäften trennen. Im Investmentbanking sind kranke Anreizsysteme üblich, die das uneingeschränkte Eingehen von Risiken belohnen. Dieses Geschwür belastet den gesunden Körper immer stärker. Die zugunsten des Erhalts der Investment Bank angeführten Synergien spielen massiv im negativen Sinn.

Erfüllt die Bildung einer separaten Einheit für Problemtitel diese Forderung nicht?

Diese Ankündigung der UBS ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Doch diese Einheit muss sich rechtlich unterscheiden und darf keine finanziellen Querverbindungen aufweisen. In den USA hatte das Gesetz diese Praxis übrigens bis 1999 vorgeschrieben. Der Entscheid von Präsident Clinton, dieses aufzuheben, war nicht sehr glücklich.

Wo stehen wir bei den Rekapitalisierungen? Eine zweite Runde wurde angekündigt, und die dritte …

Nach der ersten Kapitalerhöhung hatten wir bereits verlangt, die Kassen der UBS noch weiter zu füllen. Und diesmal geht die Bank gemäss den Ideen vor, die wir in unserer ersten Intervention geltend gemacht hatten: Sie behandelt die Altaktionäre prioritär und für die zweite Tranche hat sie den geforderten Betrag von 10 auf 15 Milliarden Franken erhöht. Falls weitere Bedürfnisse nach frischen Mitteln entstehen, müsste die Bank auf andere Mittel zurückgreifen. Die Zeit der Betteltour dürfte vorbei sein. Je nach Bedarf müsste die UBS Einheiten verkaufen oder die sofortige Trennung vom Investment Banking erzwingen. Mit der damit verbundenen Reduktion der Risiken würden sich die Finanzierungsbedürfnisse schlagartig verringern.

Sollte sich der Staat daran beteiligen?

Eine nochmalige Beteiligung von Staatsfonds wäre vorstellbar. Diese Kontakte zu knüpfen war das letzte Verdienst von Marcel Ospel. Solche Fonds interessieren sich wie eine Pensionskasse für langfristige Anlagen anstelle der kurzfristigen Gewinnmaximierung. Die Eidgenossenschaft sollte sich hingegen nicht einmischen. Diese Probleme sind nicht politischer Natur. Doch es scheint klar, dass die grösste Bank des Landes in letzter Instanz über eine Art implizite Staatsgarantie verfügt.

Bis jetzt scheinen Ihre Interventionen nicht viel gebracht zu haben.

Unsere Motion, die einen ordentlichen Kapitalerhöhungsprozess verlangte, hat an der ausserordentlichen Generalversammlung 13% der Stimmen erzielt. Das war umso bemerkenswerter, als ein grosser Teil der Aktionäre den Saal zum Zeitpunkt der Abstimmung bereits verlassen hatte. Wir haben viele Diskussionen ausgelöst – und UBS ist dazu gezwungen worden, transparenter und klarer zu kommunizieren.

Weshalb widmen Sie der UBS-Affäre so viel Energie?

Mit dem Einstieg des singapurischen Fonds GIC ins Kapital der UBS war eine Ungleichbehandlung der Altaktionäre verbunden. Daraus folgt ein Wertverlust der alten Titel, und ein Machtverlust für diejenigen, die sie halten. In solchen Fällen verlangen unsere ethischen Grundsätze eine Intervention, um die Interessen unserer Versicherten zu verteidigen. Für die Zukunft geht es darum, den Wert einer wichtigen Investition unserer Sammelstiftung zu erhalten – auch das eine Frage der Verantwortung gegenüber unseren Mitgliedern.

«Wir wollen andere Pensionskassen dazu motivieren, sich zu äussern»

Bis anhin war Profond nicht für ihre aktive Beteiligung an Aktionärsversammlungen bekannt – im Gegensatz zu anderen Organisationen.

Die Präsenz an Generalversammlungen von SMI-Unternehmen ist eine Tätigkeit, die wir gerne Organen wie Ethos, welche die grossen Titel regelmässig scannt, überlassen. Profond greift nur ein, wenn substanzielle Entscheide direkte Konsequenzen für den Wert der Titel ihres Portfolios haben könnten. Das Engagement für UBS ist an der Schmerzgrenze.

Haben Sie andere Kassen angefragt, sich Ihnen anzuschliessen?

Wir suchen Vorsorgeeinrichtungen, die unsere Forderungen unterstützen, beispielsweise via unsere Homepage. Man darf nicht vergessen, dass selbst unsere mittlerweile verdoppelte Position nicht mehr als 0,1% des Aktienkapitals von UBS ausmacht – auch Olivant hat massiv aufgestockt – auf 1,1 %. Der Spielraum mit anderen Pensionskassen ist durch Interessenkonflikte eingeschränkt – besonders, wenn das Mutterhaus Bankbeziehungen mit UBS unterhält.

Ethos hat sich nachhaltige Anlagen auf die Fahne geschrieben. Und Sie?

Wir investieren nicht in die Börse, sondern in Unternehmen. Sie müssen gut geführt sein, damit wir uns langfristig engagieren können. In diesem Zusammenhang haben wir auch vorgesehen, uns in die Diskussion über die Entschädigungspolitik von Führungsorganen einzuschalten. Profond unterstützt die von Thomas Minder lancierte Initiative gegen die Abzockerei. Mehr Engagement der Pensionskassen als Aktionäre würde das Anliegen für Nachhaltigkeit weiterbringen.

«Die ganze Finanzwelt ist in einem untauglichen System gefangen»

UBS hat die höchsten Abschreibungen aller Banken der Welt angekündigt.

Natürlich waren auch wir überrascht, als die Risiken der UBS in diesem Ausmass aufgeflogen sind. Damit werden das Risikomanagement und die moderne Kapitalmarkttheorie sowie ihre praktische Umsetzung grundsätzlich in Frage gestellt. Die ganze Finanzwelt ist heute in einem System gefangen, das offensichtlich nicht taugt. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Finanzwirtschaft mit mathematischen Formeln nicht ausreichend abgebildet werden kann. Die Verantwortlichen verstecken sich hinter Formeln und entziehen sich damit ihrer Verantwortung. Der Einsatz von raffinierten Risk-Management Systemen konnte die Milliardenverluste nicht verhindern.

Rührt das Übel nicht daher, dass viele Anleger ihr Geld in Instrumente investieren, die sie nicht verstehen?

Die Fähigkeiten, das Wissen und Können von Investoren wird durch die Optimierungsmodelle völlig vernachlässigt. Das gesamte Pensionskassensystem ist auf mathematische Sicherheit ausgerichtet. Profiteure sind die Consultants, die aufgrund von quasi wissenschaftlichen Methoden ihre Anlageempfehlungen abgeben. Ihr Trend geht in Richtung Nullrisiko. Diese vermeintliche Sicherheit hat einen hohen Preis. Es stellt sich die Frage, wo das Risiko grösser ist, bei Pensionskassen, die mit geringen Standardabweichungen in Unterdeckungen abgleiten oder solchen, die mit einer strategischen Ausrichtung auf eine Partizipation am Weltwirtschaftswachstum Nutzen für ihre Versicherten generieren.

Sie investieren also nicht einmal in «Long/Short»-Fonds?

Wir wenden diese Strategie selbst aktiv an, bauen in alternativen Assetklassen eigene Kompetenzen auf und benötigen darum keine intransparente und teure Hedge Funds mit unbekannten Risiken.

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