Das «Winterthur-Modell» gefährdet die betriebliche Vorsorge!

Impressum: Dieser Artikel von Herbert Brändli, Geschäftsführer der B+B Vorsorge AG, ist erschienen im « Liechtensteiner Vaterland», 22. November 2003

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Das neu proklamierte Winterthurer Modell, hinter dem sich namhafte Lebensversicherer formieren, gefährdet die betriebliche Vorsorge und damit das weltweit gelobte Dreisäulensystem in Liechtenstein und der Schweiz fundamental.

FL und CH

(Nota bene: Das Winterthurer Modell ist eigentlich das Winterthur-Modell, denn es hat nichts mit der Stadt Winterthur, umso mehr aber mit der global tätigen Winterthur Versicherungsgesellschaft der CS [Credit Suisse] zu tun – ab Juni 2006 bei AXA [F].)

Gewinnorientierte kurzfristige Eigeninteressen der Versicherer kontrastieren scharf mit dem sozialen Auftrag der Pensionskassen und historisch gewachsenen Verpflichtungen.

Geschätzte 15 000 Erwerbstätige bauen in Liechtenstein ihre Altersvorsorge in Sammelstiftungen von Versicherern auf – gezwungenermassen. Ihre Pensionskassen sind leere juristische Hüllen. Darin gelten die Grundsätze der Risikodiversifikation nicht wie in anderen Stiftungen. Alle Gelder dürfen bei der eigenen Gesellschaft angelegt werden.

Die Stiftungsräte führen die Befehle ihres Arbeitgebers aus und lagern als Selbstkontrahenten sämtliche Risiken auf die Versicherer aus. Die Versicherten müssen so neben der eigenen Vorsorge auch die Gewinne der Versicherungsgesellschaften, ihre teuren Vertriebssysteme und die überdimensionierten Verwaltungsapparate finanzieren. Im schlimmsten Fall werden sie gehalten, mit Beiträgen finanziell angeschlagene Versicherer zu sanieren. top ↑

Geschockte Kunden

Ein Wechsel in andere Vorsorgeeinrichtungen wird mit langjährigen Verträgen und hohen finanziellen Hürden erschwert oder praktisch verunmöglicht: Als Versicherungsbetrug im konträren Sinn des Wortes bezeichnete der deutsche Aphoristiker Oliver Hassencamp dieses Vergehen von Versicherern an ihren Versicherten.

Das Winterthurer Modell verdeutlicht diese unglaublichen Machenschaften. Die Versicherer schockieren langjährige Kunden mit

  • Aufschlägen auf den Verwaltungs- und Versicherungskosten von 50 Prozent und mehr,
  • Senkung der internen Verzinsung (technischer Zins) bis auf 2 Prozent
  • Reduktionen der Altersleistungen (Umwandlungssätze) um 25 Prozent und mehr.

Schmerzlich betroffen sind vor allem Mitarbeiter von KMU – dem Rückgrat unserer Wirtschaft. Die Tarife sind kurzfristig begründet und stehen im krassen Widerspruch zum langfristigen Auftrag der Pensionskassen. top ↑

Auftrag der Pensionskassen

Im Dreisäulensystem deckt die AHV zusammen mit Ergänzungsleistungen die Existenzbedürfnisse der gesamten Bevölkerung. Die betriebliche Vorsorge müsste diese staatlichen Basisleistungen soweit ergänzen, bis die Weiterführung der bisherigen Lebenshaltung möglich ist. Die private Vorsorge schliesslich soll individuell für weitergehende, Bedürfnisse geäufnet werden.

Träger der zweiten Säule sind die Pensionskassen. Darin werden während der Aktivzeit Kapitalien angespart und der Pensionierung verrentet. Der Aufbau der Sparkapitalien erfolgt in der Regel während 40 Jahren. Während dieser Zeit legen Erwerbstätige in Liechtenstein rund 3 von 40 Jahreslöhnen, oder jährlich durchschnittlich sieben Prozent ihres Einkommens obligatorisch für das Alter zurück. Hinzu kommen freiwillige Beiträge, die sogenannte überobligatorische Vorsorge. top ↑

Das Dreisäulensystem der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein

Langfristige Planung

Während 60 bis 70 Jahren vertrauen die Versicherten darauf, dass ihre Beiträge an die betriebliche Vorsorge sicher angelegt und marktgerecht verzinst werden. Ihre Vorsorgeeinrichtungen sollen angemessene und konstante Leistungen gewährleisten.

Seit bald 200 Jahren (… kein Witz – wir haben ein entsprechendes Dokument vorliegen, von einer Pensionskasse für Lehrer) haben Schweizer und Liechtensteiner Pensionskassen ihre Aufgabe hervorragend gelöst. Mit einer vorsichtigen Reservenpolitik haben sie Hochs und Tiefs der Börsen gemeistert und schwankende Erträge über die Zeit geglättet. Mit ihrem langfristigen Anlagehorizont konnten sie dank Geduld, Diversifikation und schrittweisem Investieren Börsenverluste ausgleichen und so für ihre Versicherten beständige Leistungen erarbeiten.

Mit einem günstigen Anlagemix wurden während den vergangenen 70 Jahren problemlos durchschnittliche Renditen um 6 Prozent erwirtschaftet. Dafür erforderlich waren eine klare Strategie und Disziplin. Mit den erwirtschafteten Erträgen konnten neben dem technischen Zins von 4 Prozent über Jahrzehnte Zusatzleistungen finanziert und finanzielle Polster angelegt werden. Damit wurden unter anderem der zunehmenden Lebenserwartung Rechnung getragen und Rentenversprechen (Umwandlungssätze) sowie laufende Renten langfristig abgesichert. top ↑

Kein Bruch der langfristigen Entwicklung

Die aktuelle Diskussion über Anlagerisiken und Ertragsmöglichkeiten zeitigte bis anhin keine einleuchtenden Argumente für einen einschneidenden Bruch dieser langjährigen Entwicklung. Börseneinbrüche sind nicht neu. Seit 1925 gab es sechs Perioden mit massiven Kurseinbrüchen. Sie hatten jedesmal andere Ursachen. Den Krisen folgten meist längere Durststrecken. Bis der ursprüngliche Stand wieder erreicht war vergingen jeweils 3 bis 13 Jahre. Die langfristige Entwicklung wurde aber deswegen nicht verändert. top ↑

«Bescheidener» Absturz 2001

So war es nach dem Crash von 1929 und der folgenden Depression, der längsten Zäsur in der Börsengeschichte. Sie dauerte bis 1935 und brachte Börsenverluste von über 41 Prozent. Noch heftiger war der Crash infolge der Erdölkrise und der wachsenden Teuerung in den USA von 19973/74. Er kostete die Investoren rund die Hälfte ihrer Vermögen. Zwischen 1961 und 1966 war in einem insgesamt gesunden wirtschaftlichen Umfeld ein Minus von 37 Prozent zu verbuchen. Einer Hausse von 1982 folgten noch drei schwere Kurseinbrüche: der Crash 1987 mit einem Kursrückgang der Aktien in der Schweiz um 30 Prozent, die Krise in Kuweit 1990 und, noch in bester Erinnerung, der Absturz 2001 und 2002, der sich gegenüber den vorerwähnten Baissen allerdings noch vergleichsweise bescheiden ausnimmt. top ↑

Langfristige Zielaltersrente

Ein durchschnittlicher Ertrag von 5 Prozent genügt guten Pensionskassen zur Erfüllung der vorgegebenen, gesetzlichen Minimalleistungen sowie für den Ausgleich von veränderten biometrischen Rahmenbedingungen. Wenn Altersguthaben und Deckungskapitalien intern mit 4 Prozent verzinst werden, verbleiben 1 Prozent für Zusatzleistungen. Rund 0,5 Prozent werden zur Abgeltung von Verwaltungskosten und für die Absicherung der zunehmenden Lebenserwartung benötigt. Damit können Pensionskassen mit entsprechenden Rückstellungen den Umwandlungssatz langfristig garantieren und bereits laufende Renten lebenslang absichern.

Das «Winterthurer Modell» negiert Reserven aus der Vergangenheit. Tarife und Umwandlungssätze werden auf kurzfristige Ertragerwartungen und laufende Kosten abgestützt. Die Versicherungsgesellschaften rechnen vor, dass ihre Verwaltungskosten, bezogen auf die verwalteten Vermögen, rund 2,3 Prozent höher sind, als diejenigen von autonomen Kassen. Mit einer Rendite von 5 Prozent verbleiben ihnen somit nur noch 2,2 Prozent für die Verzinsung der Altersguthaben. top ↑

Versprechen werden nicht gehalten

Die neu angebotenen Altersleistungen verstossen gegen Treu und Glauben. Die Rentenkürzung betrifft Personen, denen während 40 Jahren beträchtlich höhere Leistungen versprochen und entsprechend Beiträge abgeknöpft wurden. Die Kürzungen und Abschläge der Versicherer sind nicht biometrisch begründet, sondern eine direkte Folge ihrer ineffizienten Administration und Vermögensverwaltung. Ihre Anlagestrategie ist auf jährliche Gewinnmaximierung und nicht auf langfristige, marktgerechte Renditen ausgerichtet. Dies erklärt, dass heute selbst minimale Zinsvorgaben von 2 Prozent vehement beklagt werden. top ↑

Im Ländle sind wir präsent mit:

Profond FL Vorsorgeeinrichtung
Landstrasse 104, Postfach 559, FL-9490 Vaduz
Fon +423 239 32 50, Fax +423 239 32 51, profond@profond.li

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